EU Pommes Verordnung


#1


(Photo by Deepak Srivastava on Unsplash)

Der Titel verrät es schon. Es verändert sich ab heute etwas im Bereich der Pommes Frites.

Sicherlich habt Ihr schon vom krebserregenden Acrylamid gehört. Acrylamid entsteht immer dann, wenn stärkehaltige Lebensmittel stark erhitzt, also geröstet, frottiert oder gebacken, werden. Diese chemische Substanz wird eigentlich als Baustein für Kunststoffe verwendet.

Wie Acrylamid in unsere Lebensmittel gelangt, könnt Ihr hier nachlesen https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/lebensmittelproduktion/acrylamid-problematischer-stoff-in-lebensmitteln-13879

Eigentlich müsste diese Verordnung nicht nur Pommes Verordnung heißen, denn nicht nur in Kartoffeln ist Stärke enthalten, sondern man sollte auch generell beim Backen von Kuchen, Plätzchen, Keksen, Brot etc. darauf achten, dass diese nicht zu dunkel gebacken werden.

Die Verordnung betrifft natürlich nicht private Haushalte, sondern Lebensmittelhersteller, Imbissbetriebe und Restaurants, aber Ihr solltet auch beim privaten Genuss stärkehaltiger Lebensmittel darauf achten, dass Acrylamid bei der Zubereitung nicht entsteht. Natürlich solltet Ihr auch beim nächsten Restaurant oder Imbissbesuch möglichst keine dunklen Pommes essen. Ich denke, dass auch die Bäckereien es nun mit wachsamen Kunden zu tun haben werden …


#2

Hallo Gabi,

Ja diese Verordnung ist ja nun schon seit Ostern in aller Munde ich eigentlich wollte ich schon die ganze Zeit mal rein gucken.

Ich denke ich habe mich von dir herausgefordert gefühlt und habe mir die Verordnung nun endlich auch durchgelesen. PommesVerordnung ist ein hübscher Name den sich bestimmt irgendein Journalist ausgedacht hat. Um so schwieriger ist es den Text zu finden denn in keinem Artikel ist die Nummer der vo aufgeführt.

Es handelt sich dabei um die VERORDNUNG (EU) 2017/2158 DER KOMMISSION vom 20. November 2017, zur Festlegung von Minimierungsmaßnahmen und Richtwerten für die Senkung des Acryl­ amidgehalts in Lebensmitteln. (Ach mein Professor wäre stolz…)

Wie man sieht im Namen taucht der Begriff Pommes gar nicht auf. Nicht einmal Kartoffel…

Die Verordnung gilt auch nicht nur für Kartoffelerzeugnisse sondern auch wie du schon ganz genau geahnt hast auch für Backwaren. Also für Brot und feine Backwaren. Aber auch Frühstückscerealien, Kaffee und Getreidebeikost. Jeder Produzent der Lebensmittel aus diesen Kategorien herstellt muss sich ab heute an diese Verordnung halten. Und das in der gesamten EU.

Im Gegensatz zu manch anderer VO aus den letzten Jahren werden die Maßnahmen hier auch alle gleich im Anhang mitgeliefert. (Die Lebensmittel KennzeichnungsVO war dagegen ein Desaster)

Jeder macht sich also nun sorgen um seine Pommes. Und die Medien sind daran nicht ganz unschuldig. Schaut man aber in die Verordnung so ist eine Maßnahme neben Auswahl und Kontrolle der Rohware die Maximaltemperatur der Fritteuse. Pommes dürfen nur noch bei maximal 175 Grad Celsius gebacken werden.

Nun die acrylamid Diskussion ist noch nicht ganz so alt denn ich kann mich noch erinnern als dieses Thema das erste mal groß durch die Medien ging auch wenn ich damals noch zur Schule gegangen bin. Damals bestand die Gefahr, dass die Verbraucher überhaupt keine Pommes und Chips etc. mehr essen wollen. Damals haben die Hersteller und Anbieter bereits ihre Fritteusen Temperaturen herunter gestellt und trotzdem schmecken und die Pommes heute noch.

Kaum jemand hat in den letzten Jahren Pommes bei mehr als 170 Grad Celsius frittiert. Tatsächlich schmecken sie gar nicht mehr so gut wenn man die Temperatur höher stellt.

Es gibt natürlich noch einige andere Maßnahmen. Die Verordnung ist gar nicht zu lang also kann man da auch ruhig rein gucken. Alle EU-VO sind online abrufbar.

So schlimm ist diese VO am Ende gar nicht und wir können alle weiter Pommes essen.

Und ja auch Kekse. Das eigentliche viel größere Problem ist, dass acrylamid viel mehr bei einer zweiten Erhitzung gebildet wird. Viele benutzen Kekse und daraus Böden für Käsekuchen zu machen. Diese werden dann auch noch einmal gebacken. Dieser Prozess ist viel schlimmer da dabei noch viel mehr acrylamid entsteht als bei der eigentlichen Herstellung von Keksen.

Jetzt hab ich aber glaube ich erst einmal genug geschrieben.

Lg

Wer nachlesen möchte:
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32017R2158&from=DE


#3

Liebe Kristin!

Das ist ja eine super tolle Ergänzung! :+1:

Vielen Dank, dass Du Dir diese Mühe gemacht hast! Ich muss zugeben, dass ich auch eher die Pressemitteilungen gelesen habe und nicht die genaue Verordnung. Umso besser, dass Du uns den Link dazu herausgesucht hast.

Zu den Pommes kann ich nur sagen, dass ich keine herkömmliche Fritteuse benutze und daher gar nicht weiß wie heiß das Fett darin wird. Bei der Heißluftfriteuse, die ich nutze soll die Temperatur laut Herstellerangaben 150 Grad nicht überschreiten. Hoffen wir mal, dass dies korrekt ist,

Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob man nicht im Zuge dieser Diskussion davor gewarnt hat, Gebäck zu braun werden zu lassen beim Backen.

Nun habe ich ja den Link und werde mich schlau lesen.:wink:

Liebe Grüße,
Gabi


#4

Da ich leider kein wandelndes Lexikon bin, habe ich noch einmal mein Lebensmittelchemie Buch zu Rate gezogen. Ach bei dieser Prüfung hätte ich heulen können…

Deutschland war 2002 das erste Land das, nach der Entdeckung von acrylamid, angefangen hat ein Minimierungssystem einzurichten. Hier ist auch ein Diagramm über Acrylamidgehalte in Kartoffelchips über die Jahre 2002 bis 2010. Die Werte sind deutlich gesunken von etwa 1050 ppb auf 400 ppb. 2005 lagen sie schon unter 600 ppb.
Die VO schreibt jetzt einen Maximalwert von 750 ppb für Kartoffelchips vor. Auch hier sieht man, dass sich in Deutschland nicht ganz so viel ändern wird, da schon sehr viel getan wurde in den letzten Jahren, und die Medien es einfach übertreiben.

Außerdem habe ich auf Twitter heute mehrere Posts gelesen in denen es als Richtlinie bezeichnet wurde. In einer Prüfung zum EU-Recht wären die Autoren sicher durchgefallen den eine Verordnung ist nicht das gleiche wie eine Richtlinie. Da hast du mich aber auf was gebracht heute.

Ich möchte jetzt noch ein Zitat aus dem Buch bringen: “Die Acrylamidbildung ist ein typisches Beispiel für die Entstehung gesundheitlich bedenklicher Stoffe bei der Zubereitung von Lebensmitteln, denen die Menschheit aber schon ausgesetzt ist, seit Lebensmittel gebraten, gebacken oder frittiert werden.” (Baltes, Matissek; Lebensmittelchemie, 2011)

Fazit: nicht von der Panik anstecken lassen. Kekse und alles andere nicht zweimal backen und ich werde keine Twitterkommentare zu diesem Thema lesen!


#5

Ja, Du bist aber für mich auf jeden Fall eine Expertin. Vielen Dank für Deine wertvollen Infos! Das Zitat erinnert mich persönlich an Aussagen, die ich auch damals gehört habe, als die Debatte anfing.

Ich glaube da ist ganz viel dran!


#6

Es gibt tatsächlich auch vernünftige Artikel zum Thema Acrylamid:

https://amp.focus.de/gesundheit/experten/die-wahrheit-ueber-acrylamid-so-gefaehrlich-sind-knusprige-pommes-wirklich_id_8762855.html?__twitter_impression=true


#7

Liebe Kristin!
Vielen Dank für diesen Artikel.